04.07.2020 Autokino-Konzert Kissin‘ Dynamite

Es ist nicht zu leugnen, dass wir Musikfans und im Speziellen wir Metalheads, die es gewohnt sind, regelmäßig mit neuen Tourdates unserer Lieblingsinterpreten versorgt zu werden und diese zu besuchen, momentan auf der Strecke bleiben. Seit vielen Monaten müssen wir aufgrund der Corona-Krise auf Discobesuche, Theatervorstellungen und Livekonzerte verzichten. Die Kulturszene bricht ein. Dass nun Künstler und Veranstalter kreativ werden, um eine halbwegs gute Lösung des Problems anzustreben, ist eine logische Folge. Dass aber plötzlich Autokino-Konzerte als Alternative in sämtlichen Großstädten wie Pilze aus dem Boden sprießen, ist eher ungewohnt und tatsächlich in dieser Form noch nie da gewesen.
Vor einigen Wochen wurde ich in den sozialen Medien auf die Veranstaltungsreihe „Livesommer 2020“ aufmerksam. Von Mitte Juni bis Mitte Juli finden am Stuttgarter Flughafen Livekonzerte und Comedy-Events statt – auf einer großen Festivalbühne mit riesiger LED-Leinwand. Wie kann das sein, fragt ihr euch? Natürlich stehen die Besucher nicht dichtgedrängt nebeneinander vor der Bühne, sondern sitzen bequem in ihren Autos – eben ganz coronafreundlich! 😉 Da ich ein großer Freund von außergewöhnlichen Events bin und sowieso unter Konzertmangel litt, war ich besonders neugierig auf ein solches Erlebnis und buchte ein Ticket für Kissin‘ Dynamite am 04.07.2020.

Stuttgart, 04.07.2020:
Bereits Stunden vor dem offiziellen Einlass konnte man bei Instagram & Co viele Posts von Kissin‘ Dynamite Fans sehen, die auf dem Weg nach Stuttgart waren. Sogar Fans aus Belgien und Österreich waren vertreten. Ich freute mich, dass ich nicht alleine eine so weite Anreise (über 900 km) in Kauf nahm, sondern es noch andere verrückte Fans gab. Da Kissin‘ Dynamite das heutige Konzert als erstes und einziges Autokino-Konzert anpriesen, wunderte mich die rege Beteiligung jedoch nicht. Auch der Fakt, dass schon zwei Stunden vor Einlass einige Autos vor dem Flugplatzgelände warteten, war nicht ungewöhnlich. Normalerweise kann ein zweistündiges Warten auf den Einlass in praller Sommerhitze zur echten Qual werden. Diesmal jedoch waren die Umstände anders: Man konnte im schattigen und gut klimatisierten Auto sitzen, hatte gekühlte Getränke dabei (die Fahrer natürlich alkoholfreie) und wenn man, wie ich, gute Freunde um sich herum hatte, die man seit Monaten nicht gesehen hatte und dadurch mit viel Gesprächsstoff ausgestattet war, verging die Wartezeit wie im Flug. Ein Security-Mitarbeiter rief plötzlich laut: „Bitte steigen Sie in die Autos ein. Wir öffnen die Tore.“ – Jetzt ging’s los!
Ich sicherte mir einen Parkplatz in der ersten Reihe. Kurze Zeit später wurde eine zusätzliche „Reihe 0“ für VIPs geschaffen. Hier durften Freunde und Familienmitglieder der Band, aber auch die Booking-Agentur und Presseleute parken. Ich schaute mich auf dem Gelände um, entdeckte einige bekannte Gesichter und bemerkte, dass aus vielen Autoradios bereits die Musik von Kissin‘ Dynamite dröhnte. Die Besucher hatten bereits vor Konzertbeginn super gute Laune und waren voller Vorfreude. So muss das sein!
Als das Intro ertönte, ging der tobende Jubel los, obwohl man die fünf Schwaben noch gar nicht auf der Bühne sah. Sie marschierten mit einem breiten Grinsen im Gesicht vom hinteren Parkplatzende zur Bühne und schlängelten sich zwischen mehr als 200 Autos hindurch, gefolgt von je einer wehenden KD Fahne und einer Königreich-Württemberg Fahne. Die stolzen Schwaben eröffneten ihr Konzert mit „I’ve Got The Fire“ und zeigten mit Flammen und goldenen Funkenfontänen („Sparks“) gleich zu Beginn, wo der Hammer hängt. Lautstark sangen die Fans ab der ersten Minute mit.
Die Musik lief, wie bei einem normalen Autokino, über den Radiosender. Bei den meisten Fans wurde die Anlage bis auf Anschlag gedreht, die Fenster heruntergekurbelt und sich neben das Auto gestellt. Kaum jemand saß noch im Auto. Alle tanzten daneben, headbangten und rockten ab. Frontmann Hannes Braun verkündete, dass er vorab Bedenken bezüglich des Autokino-Konzerts hatte, da er die Situation nicht einschätzen konnte. Aber seine Bedenken waren völlig unbegründet, denn hier steppte der Bär!
Auch beim nächsten Song „Somebody’s Gotta Do It“ sollte die Stimmung nicht nachlassen. Hier rückte Gitarrist Jim Müller in den Vordergrund, als er die Talkbox rockte. Jim fiel dieses Mal besonders ins Auge. Ich hörte, wie jemand neben mir sagte: „Den linken Gitarristen haben sie aber ausgewechselt!“ und musste darüber sehr schmunzeln, weil man das tatsächlich hätte denken können. Jim trug diesmal einen Vollbart und hatte die langen Haare zu einem Dutt zusammengeknotet, trug ein helles T-Shirt und seit Jahren mal wieder Cowboy-Stiefeletten. Außerdem grinste er bis über beide Ohren, weil er uns zum ersten Mal seine neue Ibanez-Custom-Gitarre präsentieren durfte. Ein absolutes Unikat. Die konnte sich nicht nur sehen lassen, sondern hörte sich auch gut an!
Es folgten weitere KD-Klassiker und Ohrwürmer, wie „Love Me, Hate Me“, „DNA“ und „Sex Is War“. An der Setlist im Vergleich zur letzten Tour hatte die Band nicht viel verändert, aber dazu gab es meiner Meinung nach auch keinen Grund. Die Songs waren gut gewählt und die Fans feierten jeden einzelnen mit Lichthupen, Blinkern, die im Takt aufleuchteten und lautstarkem Hupen. Hannes hatte dazu nur eins zu sagen: „Ihr seid echte Rebellen, das gefällt mir!“ 😀

Wie auch auf der vergangen Tour, war nun der Zeitpunkt gekommen, Exit Eden Sängerin Anna Brunner auf die Bühne zu holen, die die beiden Songs “Ecstasy“ und  „Sleaze Deluxe“ mit Hannes im Duett sang und für Abwechslung sorgte.
Dass die Power-Schwaben aber nicht nur Vollgas geben können, sondern genauso gut herzzerreißend schöne Balladen zu ihrem Besten geben können, bewies der nächste Song „Heart Of Stone“, für den sich Hannes exklusiv an das Klavier setzte, sein Bruder Ande Braun die Akustikgitarre in die Hand nahm und so manche Tränen in die Augen der Fans gezaubert wurden (erwischt! 😉 ). Hätte an dieser Stelle jemand Wunderkerzen im Publikum verteilt, wäre es an Epik nicht mehr zu übertreffen gewesen! Magisch!
Nachdem Hannes bei „Waging War“ erneut die KD Fahne wehen ließ, folgte mit dem nächsten Song eine Überraschung: Kissin‘ Dynamite spielten den auf ihrem Debütalbum vertretenen Song „Welcome To The Jungle“ seit Jahren wieder live. Und als ob das noch nicht genug Überraschung gewesen wäre, stieg Jim plötzlich von der Bühne und schwang sich hinten auf den Soziussitz eines Motorrads und wurde durch die vielen Autos kutschiert, während er sein Solo zum Besten gab. Jubelnd dankten ihm die Fans, dass er auch die hinteren Reihen besuchte und winkten ihm zu.

Anschließend sollte es wieder etwas ruhiger zugehen. Die Band stimmte den radiotauglichen Song „Six Feet Under“ an, als dieser plötzlich durch Hannes abgebrochen wurde: „Mist, wir fangen nochmal an. Die Gitarre war falsch.“ Und während wir auf die richtige Gitarre warteten, legten die anderen Musiker eine Jazz-Improvisation aufs Parkett, die sich durchaus sehen lassen konnte und für den einen oder anderen Lacher sorgte.
Das offizielle Set endete mit dem Klassiker „I Will Be King“. König Hannes wollte es seinem Bandkollegen Jim gleich tun und verließ ebenfalls die Bühne, um den vorderen Reihen einen Besuch abzustatten und performte von hier unten seine Showeinlage – natürlich mit Mindestabstand 😉 Danach sprang er wieder auf die Bühne und rockte den Song zusammen mit seiner Band zu Ende.
Nach kurzer Zeit folgten drei weitere Songs als Zugabe. Bei „You’re Not Alone“ richtete sich Hannes noch einmal an die Fans und dankte ihnen persönlich. Auch in schweren Zeiten, wie diese, ist niemand alleine.

Fazit:
Autokino-Konzerte sind anders und ungewohnt, aber keinesfalls befremdlich. Man kann aussteigen, sich bewegen, die Lautstärke nach seinem Geschmack einstellen, muss für Getränkenachschub nicht lange anstehen, kann sich zwischendurch hinsetzen, sieht die Musiker trotzdem nah genug und hat einfach eine Möglichkeit, Livemusik vor Ort live und in Farbe mitzuerleben.

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