20.06.16 Sixx:A.M.

Hamburg, Knust

Wenn eine amerikanische Rockband, die ich wegen ihrer unglaublich genialen Musik gut finde, am 1. April den Vorverkauf für ihr einziges Konzert in Deutschland (ausgerechnet auch noch in meiner Lieblingsstadt Hamburg) eröffnet, ist es doch wohl logisch, dass ich der ganzen Sache nicht traue. Schließlich ist der 1. April für die gemeinsten Späße aller Art bekannt. Diesmal sollte ich jedoch Glück haben. Sixx:A.M. kamen wirklich nach Hamburg!

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ganze 1,5 Stunden vor dem offiziellen Doors-Open an einer Location stand, um mir einen Platz möglichst weit vor der Bühne zu sichern. Mit mir stand eine überschaubare Gruppe an Fans am Knust Hamburg. Dass die Hälfte von ihnen im immer stärker werdenden Regen stand, störte anscheinend niemanden. Unter ihnen waren komische Typen vertreten. Neben mir stand zum Beispiel jemand, der das Aussehen von Nikki Sixx imitierte und wohl ein krasser Fan zu sein schien. Jedem das Seine. Als sich nach langem Warten endlich die Eingangstüren öffneten, kristallisierte sich schnell heraus, dass die weibliche Fanfraktion definitiv in der Überzahl vertreten war. Die Einlassschlange für die Männer war nämlich so gut wie leer. Ich befürchtete Schlimmes und malte mir wilde Szenarien mit Kreisch-Attacken aus…

Im Club war es schon zu Beginn sehr warm. Uff, das konnte ja lustig werden… Eine ganze Stunde mussten wir uns noch in dieser Hitze gedulden. Ich nutzte die Zeit, zückte mein Handy und googelte die Vorband. Aha! The New Black sind ein Hard-Rock-Fünfer aus Würzburg und gar nicht mehr so unbekannt. Ich fand heraus, dass sie bereits für AC/DC, Black Label Society, Volbeat und Alter Bridge im Vorprogramm spielten. Cool! Als das Quartett auf die Bühne kam, war gute Stimmung. Der Sänger groovte in silbener Glitzerhose und roten Lackstiefeln über die Bühne, die anderen Bandmitglieder waren sichtlich stolz auf ihre gut gepflegten Mähnen und ließen sie im Takt wehen. Haarneid! 😉 Gitarrist und Bassist machten ständig Faxen, posten in sämtliche Handykameras und waren einfach nur gut drauf. Echter, solider Hard Rock, der die Masse erreicht. So macht das Spaß! So muss eine Vorband sein!

Mitten im Change Over, also der Umbaupause, stand ich auf einmal ganz vorne. Übrigens ganz links, also auf Nikkis Seite 😉 Der Umbau ging fix. Das Intro ertönte. Mit dem ersten Ton brach bei mir eine intensive Gänsehaut aus und ich war voller Vorfreude… Und dann kamen sie: Schlagzeuger Dustin Steinke, die Backgroundsängerinnen Amber Van Bee und Melissa Harding, Gitarrist DJ Ashba, Bassist Nikki Sixx und Sänger James Michael! Erste High-Fives wurden schon vor dem ersten Takt mit den Fans ausgetauscht und schon jetzt sah man den Musikern die Spielfreude im schimmernden Bühnenlicht an. Yeah!
Gestartet wurde mit dem Opener „This Is Gonna Hurt“, ein Klassiker vom gleichnamigen zweiten Album, den gefühlt jeder Fan mitsingen konnte. Die Band schmetterte einen Hit nach dem anderen. Nikki, DJ und James wanderten während der Show erstaunlich oft auf meine Seite. Das Mädchen neben mir strahlte über beide Ohren, als Nikki Sixx die Treppe von der Bühne in die erste Reihe hinunterstieg, ihren Kopf in beide Hände nahm, seine Stirn an ihre presste und ihr somit einen ganz intimen, schönen Moment schenkte. Auch DJ Ashba wollte noch mehr Nähe zu den Fans und spielte seine Soli in Grätschstellung von Bühnenrand zum Wellenbrecher und platzierte seinen Fuß direkt neben die Hände der Fans. Einmal machte er sich in genau dieser Position groß und schaute von oben auf mich herab. Wir blickten uns tief in die Augen. Wow, sofort hatte ich wieder Gänsehaut! Dieser Mann hat’s drauf! Als nächstes kam auch für James ein persönlicher Solo-Moment. Er setzte sich ans E-Piano und performte eine der schönsten Balladen der Welt: „Skin“. Selbst beim Schreiben breitet sich ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht aus, wenn ich an den Moment denke, als James zu singen begann und alle Fans ganz verträumt mit einstiegen. Wunderschön! Es folgten weitere Hits wie „Prayers For The Damned“, „Lies Of The Beautiful People“ und „Stars“. Die Fans waren sehr textsicher und hatten Spaß. Aber nicht nur den Fans konnte man den Spaß ansehen – Nikki und DJ spielten oft eng beieinander, stützten sich aneinander ab und lachten zusammen. James klopfte seinen Bandkollegen des Öfteren freundschaftlich auf die Schultern. Man kauft ihnen ab, dass das Bandprojekt Sixx:A.M. aus Freundschaft und Spaß entstanden ist. Die Ehrlichkeit steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Bei der Ansage des nächsten Songs hielt James kurz inne. Er fand treffende und sehr ergreifende Worte bezüglich des jüngsten Terroranschlags in Florida. Er tat kund, dass der neue Song „Rise Of The Melancholy Empire“ zu diesem Ereignis passt, politisch aktuell ist und kurz nach dem Attentat in Paris geschrieben wurde. Während seiner Ansprache streckten einige Fans ihre Fäuste als Zeichen von Stärke in die Luft. Ein Mädchen in der ersten Reihe fing an zu weinen. Alles war ruhig, ernste Mienen waren auf den Gesichtern der Fans gezeichnet und alle hingen an James‘ Lippen: „May God be cruel to you, may he rain his hell upon you. We will grow strong from this, we will not be defeated. However hard they try, over and over and over a thousand times“… Nach dem Song ging die Band von der Bühne, denn dieser theatralische Song sollte der letzte Offizielle gewesen sein. Die Fans hatten noch nicht genug. Laute Zugaberufe holten die Band jedoch für zwei weitere Songs erneut auf die Bühne. Beim finalen „Life Is Beautiful“ gaben die Musiker und auch die Fans nochmal alles und rockten das Knust in Grund und Boden. Was für eine Rockshow!

Die große Masse lichtete sich schnell, die Tresen waren dennoch voll und einige Übriggebliebene machten sich am Bühnenrand auf die Suche nach einsamen Plektren. Ich ging zum Hintereingang der Location und stieß auf eine größere Gruppe von ca. 20-30 Fans, die die geheimen Ankündigungen der Band via Social Media bezüglich eines „Sixx:A.M. Hit and Run“s verfolgt hatten. Eine Acoustic-Session am Nightliner nach der Show für diejenigen, die noch nicht genug haben und das besondere Fan-Erlebnis mit nach Hause nehmen möchten. Die Band hat diese kleine Session übrigens live auf Facebook gepostet 😉 Ich bin von der Idee dieser Aktion total begeistert und kenne sie bisher in dieser Form von keiner anderen Band. Klasse Alleinstellungsmerkmal! Sixx:A.M. performten „Rise“ und „Lies Of The Beautiful People“, während wir Fans tatkräftig mitsangen. Sooo schön und intim! Die Band bedankte sich für den schönen Abend mit einem Applaus bei den Fans und die Fans dankten es ihnen mit tobendem Gegröhle. Das war das Zeichen, mich auf den Rückweg zu machen.

Mein Hotelzimmer lag direkt auf der Reeperbahn und war somit nicht weit weg vom Knust. Während ich die bekannteste Straße Hamburgs entlang schlenderte, sprach mich ein Türsteher eines nächtlichen Vergnügungsschuppens an. Als er sah, dass ich nichts sagte, sondern nur mit einem breiten Grinsen an ihm vorbeiging, kam er ins Grübeln und rief: „Ey! Was lachst du denn so?“ – Ich schaute mit Absicht nicht zurück, ging weiter und ließ den Abend mit genau diesem breiten Grinsen ausklingen.

Setlist:
1. This Is Gonna Hurt
2. Rise
3. Relief
4. When We Were Gods
5. Live Forever
6. Skin
7. Dead Man’s Ballet
8. Everything Went To Hell
9. Prayers For The Damned
10. Goodbye My Friends
11. Lies Of The Beautiful People
12. Stars
13. Rise Of The Melancholy Empire

Zugabe:
14. Accidents Can Happen
15. Life Is Beautiful

Advertisements