27.02.18 Chris Bay

Unser gestriger Abend begann im Hooters, einem amerikanischen Restaurant, das für Food & Wings, Bier, Sport und sehr hübsche Bedienungen bekannt ist. Wir betraten das Lokal und hinten in einer Ecke saß bereits unser Mann des Abends. Er war in ein Gespräch vertieft. Während wir warteten, inspizierten wir den Ort etwas genauer. Es war alles sehr modern. Wohin man schaute, waren TV-Screens an den Wänden und überall lief eine andere Sportsendung. Durch die Lautsprecher tönte laute Musik, mal poppig und hin und wieder etwas rockiger. Die restliche Wartezeit vertrieben wir uns mit netten Unterhaltungen mit den Hooter-Girls. Es war sehr angenehm und ehe wir uns versahen, setzte sich Chris auch schon an unseren Tisch und war bereit, uns ein paar Fragen zu beantworten:

NBNL: Vielen Dank, dass du dir nach diesem langen Pressetag, der hinter dir liegt, auch noch Zeit für uns genommen hast. Vorab schon einmal ein großes Lob: Das Soloalbum ist wirklich super geworden und gefällt uns richtig gut.

Chris: Das freut mich sehr! Das Album steht ja ziemlich kontrovers zu der ganzen Metalszene. Ich hätte ein bisschen mehr Shitstorm bzw. Gegenwind erwartet, weil ja schon poppige Elemente mit drin sind. Und die Metalszene ist relativ konservativ gestrickt – alles, was nicht Metal ist, ist scheiße. Meine Empfindung ist, dass dieses Schubladendenken in Deutschland sehr ausgeprägt ist. In anderen Ländern hören sich das die Leute einfach an und sagen entweder „Das gefällt mir“, oder eben „Das gefällt mir nicht“. Da wird das nicht so eingestuft und subjektiv weg geschoben. Denn es steckt ja auch immer ein Haufen Arbeit hinter einem Album. Das rockt sich nicht einfach so in zwei Tagen rauf und man kann dann sagen „Hier, kauft!“, sondern es steckt ganz viel Arbeit und Liebe im Detail dahinter und dann kann nicht einfach irgendjemand kommen und sagen, dass es scheiße ist!
Das Gute ist: Es geht mir alles total am Arsch vorbei. Ich stehe voll dahinter, was ich mache und der Rest ist mir egal. Ich bin doch Künstler geworden, weil ich machen will, was ich will. Sonst hätte ich ja irgendwo anfangen können, wo mir ein Boss die ganze Zeit auf die Schulter tippt und mir sagt „Nee, nee! Du musst das genau so machen!“ – Nein, das war der Grund. Bei so einem Leben gibt’s zwar Vor- und Nachteile…  Man muss sich um vieles kümmern und man muss ganz viel arbeiten, was viele Leute nicht denken… und deswegen nehme ich mir das einfach raus, zu machen, was ich möchte. Ich zwinge ja niemanden! Ich sage ja nicht „Du bist verdammt 10 Mal am Tag mein Soloalbum zu hören“. Es ist jedem seine freie Entscheidung das zu machen.

NBNL: Wie ist die bisherige Resonanz zum Album? Wurden deine Erwartungen erfüllt?

Chris: Die Reaktionen waren sehr, sehr gut. Auch im Ausland, vor allem die englische Presse! Vielleicht liegt es auch ein bisschen daran, dass Musikhelden aus England, wie The Beatles oder Oasis, nicht so weit entfernt sind von meiner Musik. Es ist meine Inspiration! Ich wollte unbedingt mit sechs Jahren ein Beatles Complete-Album haben – so ein Notenbuch. Das habe ich hoch und runter gespielt! Das bleibt halt irgendwo hängen 🙂 Aber allgemein auch die Deutsche Presse… Ich war ganz besonders stolz die „Arschbombe des Monats“ im Rockhard zu bekommen. Das meine ich ernst! Ich wurde beachtet! Sie hätten mich ja auch nicht beachten müssen… Das nehme ich als Kompliment hin 🙂

NBNL: Der erste Auftritt als Solokünstler liegt hinter dir (16.02. Köln). Wie war’s?

Chris: Ich war fürchterlich aufgeregt, weil der Termin ganz kurzfristig um eine ganze Woche vorgelegt wurde und noch nicht alles vorbereitet war. Ich habe mich dann einfach ins kalte Wasser schmeißen lassen und glaube, ich habe mich ganz tapfer geschlagen 🙂 Nach oben ist noch ein bisschen was offen, da kann man noch ein bisschen etwas verbessern…

NBNL: Warum gibt es für Hamburg gleich zwei Termine am selben Tag? Hast du eine besondere Verbindung zu dieser Stadt?

Chris: Das hier ist ein Promo-Termin. Ich bin hier mit meinem Promoter von der Plattenfirma und gebe den Journalisten viele Interviews, worüber ich mich auch sehr freue. Der Anklang ist toll! Es sind auch andere Magazine, als die, die sich für Freedom Call interessieren. Wenn ich jetzt überall die gleichen Magazine hätte, wäre ich überall „Arschbombe des Monats“ [wie in der Rockhard]. Hamburg dient einfach mal als kleines Showcase. Einfach ein bisschen spielen. Ein guter Freund von mir lebt in Hamburg und als ich ihn fragte, ob er nicht noch etwas machen kann, wenn ich schon mal in Hamburg bin, hat er mir das „Cowboy und Indianer“ empfohlen. Ich erwarte keine große Bühne und keinen großen Zuspruch. Einfach ein bisschen spielen! Und ich kann ein wenig für nächsten Freitag üben. Da steht ja die große Release-Party in Nürnberg an. Das wird voll! Oh Gott! 🙂

NBNL: Bist du schon aufgeregt?

Chris: Ja, ein bisschen schon. Aber nicht wegen des Spielens, sondern weil viele Freunde kommen. 40000 Leute auf Wacken, oder dem Masters of Rock Festival ist schon spannend, aber vor Freunden spielen… da reichen drei, dann bin ich vollkommen nervös.

NBNL: Du wurdest als Solokünstler für mehrere Bands als Support gebucht, u.a. für Axel Rudi Pell und Power Quest. Wie kam es dazu?

Chris: Axel kenne ich ja. Wir haben schon mal mit Freedom Call im Vorprogramm vor Axel gespielt und als ich gesehen habe, dass sie jetzt wieder unterwegs sind, habe ich ganz einfach mal nachgefragt, ob sie nicht Bock haben. Es ist unheimlich unkompliziert: Ich brauche kein Technik, sondern spiele einfach mit meiner Akustik-Gitarre und bin nach zwei Minuten wieder weg 😉 Für mich ist es natürlich eine tolle Möglichkeit, diese Idee an den Mann zu bringen. Und Axel Rudi Pell ist unser Zielpublikum. Das ist ja kein Die-Hard-Metal.

NBNL: Wie stehen deine Freunde von Freedom Call zum Soloalbum? Ramy hat ja sogar die Drums eingespielt…

Chris: Ich habe sie immer mal wieder gebeten in die Songs reinzuhören. Sie wünschen mir viel Glück und sind auch am Freitag als Gäste dabei. Lars meinte: „Weißte, wo ich am Freitag hingehe? Zum Chris Bay ;-)“. Es steht in keinster Weise in Konkurrenz zu Freedom Call. Freedom Call hat die absolute Priorität. Bloß dieses Jahr ist sowieso Songwriter-Jahr. Wir spielen ein paar Shows und Festivals, aber es muss ja auch mal etwas geschehen. Wir können nicht immer allgegenwärtig sein und müssen uns auch mal ein bisschen rarmachen. Nächstes Jahr wollen wir dann mit einem neuen Album wieder durchstarten.

NBNL: Schauen wir uns „Chasing The Sun“ mal ein wenig genauer an. In den Songs geht es oft um Symbole (Sonne, Zeit, Liebe, Fliegen). Was bedeutet das für dich?

Chris: Es ist eigentlich genau das, was ich mache. Natürlich ist die Musik sehr positiv und die Texte sind teilweise auch melancholisch, aber sind auf jeden Fall in eine positive Richtung gelehnt. Das ist jetzt keine Anleitung zu irgendwelchen bösen Sachen 😉 Das geht gut auf und ist mit dem Album im Einklang, weil ich einfach so ein Mensch bin. Ich habe mir viele Gedanken über den Titel des Soloalbums gemacht… Ich habe ein Album [für Freedom Call] geschrieben, das heißt „Master Of Light“. Wir haben Songs, wie „Land Of Light“. Lauter Light, Light, Light. Und das ist es einfach… Ich bin sehr, sehr gerne in der Sonne! Nicht nur, um braun zu werden, sondern weil ich einfach diese Wärme mag. Und die Sonne symbolisiert für mich viel mehr als nur den physischen Planeten Sonne – da steckt für mich viel dahinter, wie Wohlbefinden, Wärme und Geborgenheit. Es gibt vielleicht Menschen, die neigen eher dazu, ein bisschen zu leiden und lieben mehr den Schatten. Ich möchte das gar nicht bewerten, aber für meine Wenigkeit ist es definitiv die Sonne und das ist sehr krass bei mir ausgeprägt. Immer, wenn es irgendwie möglich ist, bin ich in der Sonne. Ich habe auch eine Sonne auf der Wade tätowiert – das ist einfach meins. Und für ein Soloalbum kann man, glaube ich, nichts besseres finden, als wirklich so eine tiefe Bedeutung für einen, die dich mit dem ersten Soloalbum verbindet. Ich finde den Titel echt ziemlich cool gelungen 🙂 Ich habe genau gefunden, nach wem ich suche im Leben und bin damit schon Vielen voraus, die noch suchen.

NBNL: Du singst aber nicht nur über positive Gefühle, sondern auch über Probleme, wie z.B. in „Where Waters Flow To Heaven“ oder „Mysty Rain“. Ist das deine Art, Dinge zu verarbeiten? Songs drüber zu schreiben? Oder warum die ernsteren Themen?

Chris: Es sind einfach Lebenserfahrungen, die man an sich selber gemacht hat, oder sehr nahe mitbekommen hat und die auch sehr nahe aus dem Leben gegriffen sind. Wie bei „Mysty Rain“ ist vieles nebulös. Ob das jetzt Beziehungen sind, bei denen nichts ausgesprochen wird, wo eine Person immer Angst hat, dass irgendetwas stattfinden könnte, wenn es hinterfragt wird. Die andere Person ist froh, wenn’s nicht hinterfragt wird. Deswegen ist es die große Frage, ob’s die Liebe überhaupt gibt, oder ob es einfach nur ein daher gesagtes Wort ist. Es könnten auch Freunde sein, oder Familie. Es muss kein Liebespaar sein. Ich habe es versucht, ein bisschen zu umschreiben und in meine Bilder zu setzen.
Auch bei „Where Waters Flow To Heaven“ ist es so. Der Song ist sehr melancholisch und hat mich selber auch sehr berührt. Es geht einfach darum, dass es jemanden gibt, der sich hier auf diesem Planeten nicht wohl und vollkommen fehl am Platz fühlt. Ich sehe das dann aber gar nicht so negativ, weil es ja seine Entscheidung war. Und wenn man solche Leute kennt, und weiß, wie sie ticken und dass sie hier einfach nicht klarkommen – dann kann man ihnen nur sagen, dass sie es gut gemacht haben, weil es ihnen woanders jetzt besser geht.

NBNL: Hast du einen Lieblingssong? Wenn ja, warum?

Chris: Wenn man sie alle selber geschrieben hat, ist es natürlich schwer zu ranken. Aber „Silent Cry“ finde ich ganz cool. Ich mag es, dass eine Freundin da mitgesungen hat. Dieser Kontrast zwischen den Stimmen ist ein eingesetztes Instrument. Ich sehe es gar nicht so als gesungene Stimme, sonder eher als Instrument.

NBNL: Sonja ist auch in Nürnberg bei der Release-Party mit dabei, richtig?

Chris: Ja genau. Mit Sonja hatte ich eine Zeit lang eine Band und diese Tracks hat sie vor Jahren schon eingesungen. Aber der Song hat dann ganz andere Wege genommen und dann habe ich die alten Aufnahmen genommen. Das bringt ein bisschen Farbe mit rein. Und „Flying Hearts“ ist ganz neu dazugekommen. Den habe ich im Laufe der Produktion mit dazugeschrieben.

NBNL: Ist in ferner Zukunft ein weiteres Soloalbum geplant, oder hast du dir mit diesem bereits den Traum erfüllt?

Chris: Ja, aber ich bin zeitlich nicht gebunden. Ich muss jetzt erst einmal gucken, wo mich die Zeit hinführt. Denn die Soloalben sind ja eigentlich konzeptfrei. Bei Freedom Call weiß ich ja, worum’s geht. Das ist Metal und da bewegt man sich in einem gewissen Rahmen. Und beim Soloalbum kann ich mich einfach treiben lassen und das muss ich erst einmal machen 🙂

NBNL: Was wünscht du dir für die Zukunft? Ist schon Näheres geplant?

Chris: Es ist ein neues Freedom Call Album geplant. Wir werden viel auf Tour sein. Ich reise mit meinem Soloalbum in der Welt umher und da kommen auch noch einige Shows dazu und im nächsten Jahr geht’s mit Freedom Call auf Welttournee. Dadurch, dass wir jedes Jahr expandiert haben und immer neue Sachen dazu gekommen sind, wird’s eine sehr lange Tour. Aber ich will erst mal weg 🙂

NBNL: Die letzten Worte gehören dir!

Chris: Ich bin wahnsinnig stolz drauf, so etwas überhaupt machen zu dürfen. Wer hat schon diese Möglichkeit, ein Album bei einer Plattenfirma raus zu bringen, wo der eigene Name drauf steht und kann damit auch noch um die Welt reisen? Das ist mir fast schon ein bisschen unheimlich 😉 Aber ich sehe das total entspannt. Ich will einfach die Gelegenheit in diesem Singer/Songwriter-Style nutzen, dass ich ganz persönliche Konzerte gebe. Dass es nicht so aufgeblasen wird und eine Band spielt – das mache ich ja schon. Das ist toll, aber dabei geht es ja vielleicht auch dem ein oder anderen Zuhörer um die Person und dann kann man auch mal Fragen stellen und ein bisschen was erzählen. Das finde ich spannend! Nicht still stehen… Man muss immer in Bewegung bleiben, denn das ist wichtig für den Kopf, Geist und Körper.

Nach diesem aufschlussreichen und interessanten Interview, ging es für Chris dann auch schon zu den nächsten Programmpunkten auf der Tagesordnung, nämlich den Auftritten im Hooters und im Cowboy und Indianer. Letzteres hat uns besonders gut gefallen, denn die Location bot ein sehr gemütliches Ambiente. Die Bar ist nicht sonderlich groß und somit fand das Programm in einem kleinen, intimen Rahmen statt. Gegenüber von uns saßen zwei eingefleischte Freedom Call-Fans. Wie sich nachher herausstellte, ist einer von ihnen sogar aus Madrid angereist. Um 20 Uhr begann Chris mit seiner kleinen Singer/Songwriter-Promoshow, die er in einer akustischen Darstellung performte. Die ersten sechs Songs waren von dem neuen Chasing the Sun-Album:

  1. Flying Hearts
  2. Keep Waiting
  3. Hollywood Dancer
  4. Silent Cry
  5. Love Will Never Die
  6. Radio Starlight

Während der Pausen zwischen den Songs erklärte Chris, dass bei den Studioaufnahmen immer eine ganze Band vertreten ist, aber die Situation heute eine echte Herausforderung für ihn ist. Wir waren positiv überrasch von dem Song „Hollywood Dancer“, der akustisch nochmal eine ganz andere Wirkung hat, als die Studioaufnahme. Bei den letzten drei Songs handelte es sich um beliebte Freedom Call-Klassiker:

  1. Union Of The Strong
  2. Freedom Call
  3. Warriors

Wie heißt es so schön: Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören und so verabschiedete sich Chris mit den Worten: „Vielen Dank fürs Zuhören, ich gehe jetzt saufen!“ 😉

Fazit: Es war ein gelungener Abend von Anfang bis Ende. Alle, die eine Chasing The Sun-Show besuchen werden, dürfen sich auf einen grandiosen Abend mit der ein oder anderen emotionalen Interpretation freuen und es werden sogar einige Freedom Call Songs in einem anderen Licht erstrahlen. Für alle, die keine Show besuchen werden: Überlegt es euch nochmal. Wir finden nämlich nicht, dass dieses Album den Titel „Arschbombe des Monats“ verdient hat. Lasst euch darauf ein und macht euch einfach selbst ein Bild davon. 🙂

Die Single „Radio Starlight“ jetzt anhören:
https://www.youtube.com/watch?v=B8KU7avP3sg

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