Lord of the Lost – Ensemble Tour 2017

Foto: Franz Schepers

Wer Lord of the Lost kennt, weiß, dass düstere Outfits, kreatives Make-Up und harte Darkrock-Klänge die Bühne dominieren. Ganz anders ist es, wenn diese Gewohnheiten für eine neue Tour abgelegt werden und etwas völlig Neues bevorsteht – die Lord of the Lost Ensemble Tour 2017, mit Kammerorchester und akustischer Bandbesetzung. Wir berichten euch, wie es auf so einem Konzert dieser außergewöhnlichen Tour aussieht…

18.11.2017, Hamburg, Markthalle

Die Hamburger Markthalle ist in unseren Augen immer eine solide und gute Konzertlocation. Deshalb freuten wir uns, dass das heutige Konzert uns wieder einmal in die Halle in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs verschlug. Bereits vor zwei Jahren fand die Ensemble-Tour zum ersten Mal statt und feierte großen Erfolg. Alina besuchte damals ebenfalls das Konzert in der Markthalle und wusste schon, was uns heute erwarten würde. Ihrem Ratschlag zur Folge, waren wir bereits 30 Minuten vor dem offiziellen Einlass vor Ort und mussten mit Erstaunen feststellen, dass wir nicht die Einzigen mit diesem Plan gewesen waren. Etliche LOTL Fans standen sich seit Stunden die Beine in den Bauch. Uns fielen sofort einige Frauen in den schönsten Barock- und Gothikkleidern auf. Aber so schön sie auch anzuschauen waren, wollten wir bei 5°C nur ungern mit ihnen tauschen. Die Wartezeit verging zum Glück sehr schnell und wir freuten uns umso mehr über einen bezaubernden Abend in der warmen Location.
Das Konzert war mit 600 Sitzplätzen randvoll ausverkauft und etwas ganz Besonderes. Am Abend zuvor spielte das Ensemble zwar auch schon in der Hamburger Markthalle, aber nur, weil unser heutiges Konzert in bereits wenigen Wochen restlos ausverkauft war und man eine Zusatzshow einrichtete. Leider war diese vor dem eigentlichen Hamburg-Gig, aber das war nicht weiter schlimm. Wir freuten uns für die Band, dass sie zwei volle Shows in ihrer Heimatstadt spielen konnten.

Wir sicherten uns zwei Plätze auf der linken Seite in direkter Bühnennähe. Auf jedem Sitzplatz lagen Infobroschüren mit detaillierten Programminhalten. Das erweckte den Eindruck, wie in einem gehobenen Theater zu sitzen – eine schöne Idee! Der Blick auf die Bühne verriet uns, dass wir auf eine Vorband gespannt sein durften. Lord oft the Lost Sänger Chris Harms trat auf die Bühne und kündigte den Support persönlich an. Er erzählte, dass sich LOTL keine Supportbands einkaufen würden, oder das Label entscheiden ließen, sondern sich für die Musik entscheiden, die sie selbst gut finden und im Tourbus hören würden. OH FYO! ist eine Singer/Songwriterband aus Lübeck, die neben Flix Highfield und Marius Evan auch als Liveband in voller Besetzung funktioniert. Auf der Ensemble-Tour supporten sie Lord of the Lost als Acoustic-Duo mit Gitarre & Gesang und begeistern das Publikum mit einem nachdenklichen, melancholischen Sound. Die beiden sympathischen Hanseaten präsentierten sich sehr interaktiv und humorvoll auf der Bühne, was ihnen das Publikum nach jedem Song mit einem intensiven Beifall dankte.

Rund 45 Minuten später sollten wir nicht mehr länger auf das Highlight des Abends warten müssen. Nach und nach betraten die Musiker die Bühne, zuletzt gefolgt von Frontmann Chris Harms, der einen tobenden Applaus mit sich zog.
Im Vorfeld veröffentlichten Lord of the Lost das Album zur neuen Tour („Swan Songs II“), sodass das Publikum erste Eindrücke gewinnen konnte. Wir hatten hohe Erwartungen und waren sehr gespannt. Dass die Musiker ebenfalls hohe Erwartungen hatten, sah man ab dem ersten Moment. Chris verdeutlichte: „Vor vielen Jahren erlebte ich mein erstes Konzert genau hier, bei Muse in der Markthalle. Und nun stehe ich hier oben selbst auf der Bühne und darf meine Heimatstadt verzaubern.“ – dies versprach ein sehr emotionaler Abend zu werden.

Die Songauswahl war ein guter Mix aus alten und aktuellen Swan Songs, aber auch völlig neuen Versionen ihrer härtesten Metalsongs. So wurden beispielsweise „Fist up in the air“ und „Full metal whore“ neu interpretiert. Aus letzterem wurde eine gesellschaftsfreundliche „Full metal ball“-Swing-Version, die für den ein oder anderen Lachflash sorgte. Ein Meisterstück! 😀 Chris verstand es, das Publikum mit witzigen Anekdoten und kurzen Geschichten zu unterhalten. So erzählte er zum Beispiel, dass ihn vor einiger Zeit ein Interviewer einer bekannten Metal Zeitschrift zur Rede gestellt hätte und ihm vorgeworfen hätte, dass die komplette Ensemble-Aufmachung eher nach Disney-Songs klingen würde. Chris fasste dies als ein riesengroßes Kompliment auf und grinste ins Publikum. Wer mag denn schließlich keine Disney-Songs??? 😉

Nachdem ein paar Songs vergingen, ertappten wir uns immer wieder dabei, wie uns vor Begeisterung der Mund offenstand und wie sehr uns das unglaubliche Talent dieser Musiker faszinierte. Was für ein emotionales Konzert! Als wir gerade verträumt in einem Song vertieft waren, riss uns Chris mit den Worten „Wir machen nun eine kurze Pause“ zurück in die Realität. Puh, Zeit sich einmal frisch zu machen und neue Getränke zu holen. Während wir uns in der Location so umsahen, entdeckten wir einige bekannte Gesichter, wie z.B. Dr. Mark Benecke und Mika, den kleinen Sohn von Chris, der seinen Papa tatkräftig unterstützte. Uns fiel auf, dass das Publikum aus Fans ganz unterschiedlichen Alters vertreten war. Neben uns saß eine ca. 50-jährige Mutter mit ihrer Tochter, ein Stück weiter entfernt sahen wir zwei kleine, vor Freude strahlende Jungs und am Tresen entdeckten wir zwei alte Damen. Schön, dass Musik kein Limit kennt und die unterschiedlichsten Menschen zusammenführt.
Wieder an unserem Platz angekommen, hörten wir uns die Pausenmusik etwas genauer an. War das ernsthaft Lady Gaga? Ob das so gewollt war? Dazu später mehr…

Nach der viertelstündigen Pause folgte das zweite und letzte Set des Abends. Zeit, einmal die Bühnenkulisse etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Im Vergleich zur ersten Ensemble-Tour, gab es diesmal keine angebrachten, schimmernden Glühbirnen, sondern mehrere große, runde Scheinwerfer, die im Takt der Musik aufleuchteten. Die Bühne war durch Podeste in zwei Ebenen geteilt, sodass die Tasten- und Schlaginstrumente etwas höher standen als der restliche Ensemble-Teil. Im Hintergrund hing ein riesiges Backdrop mit der Aufschrift „Lord of the Lost Ensemble Tour 2017“, welches ein hübscher Hingucker war.

Im zweiten Set ist uns besonders der Song „Annabel Lee“ in Erinnerung geblieben und war mit magischen Momenten gesegnet, als plötzlich das gesamte Publikum textsicher mitsang. Diese Magie blieb von Chris nicht lange unentdeckt. Er offenbarte uns, dass es fast nichts Schöneres für einen Musiker gibt, wenn das Unsichtbare plötzlich sichtbar wird. Wenn das Publikum einfach nur gespannt dem Geschehen folgt und jedem einzelnen Fan die Begeisterung und Sprachlosigkeit im Gesicht geschrieben steht. Das ist fast noch besser, als wenn die wilde Crowd bei einer Metalshow in eine Headbang-Ektase verfällt und extrem abgeht. Eben genau diese Magie prägt die Ensemble-Tour und hinterlässt einen tiefen Eindruck für die Ewigkeit eines jeden Konzertbesuchers. Frontmann Chris lobte jedoch nicht nur die Magie fernab der Bühne, sondern auch auf der Bühne und stellte die mitwirkenden Musiker namentlich mit folgenden einleitenden Worten vor: „Ich möchte mich bei meinen Freunden bedanken, die mich auf der Tour begleiten“ – Freunde, nicht Kollegen. Das war sehr respektvoll. So war zum Beispiel der Drummer Paul Keller von Darkhaus unter den Musikern vertreten und heimste bewundernden Applaus ein.

Auch wenn das Rahmenprogram perfekt war, warteten die Fans noch auf ein ganz bestimmtes Lied, das auf einem Lord of the Lost Konzert – egal in welcher Form – definitiv nicht fehlen darf. Chris bedankte sich für einen unvergesslichen Abend und eröffnete mit einer Liebeserklärung an die Fans „Credo“. Ein Meer aus 1200 nach oben gestreckten Händen erfüllte die Markthalle, während wir alle aufstanden und innig die Zeilen „We give our hearts to the lord fo the lost“ zum Besten gaben.

Obwohl die Show knapp drei Stunden ging, hatten die Fans am Ende der Setlist noch immer nicht genug und riefen die Musiker mit Standig Ovations wieder auf die Bühne. Chris trat mit einer Flasche Rotkäppchen-Sekt in der Hand hervor und grinste: „Wir stoßen schon mal auf den Tourabschluss an!“ und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Da waren wohl nicht nur die Fans zufrieden 😉

Als Zugabe folgte der Madonna-Hit „Frozen“ als Akustik-Duo-Version von Chris und Gared (Keyboard). Wunderschön! Da kamen die Mütter im Publikum sicher auf ihre Kosten. 😉 Aber „Frozen“ sollte nicht der einzige Coversong bleiben. Als die Band gerade den nächsten Song ansetzen wollte, riss der Violinistin Maline eine Saite. Schnell improvisierte Chris die Situation und stimmte „Paparazzi“ von Lady Gaga an. Für ihn als echten Fan eigentlich ein absolutes Kinderspiel, was die Textsicherheit angeht, aber Chris war sichtlich nervös und vergaß einige Textzeilen, sodass schnell mal mit „Papa… scheiße“ singend improvisiert wurde. 😀 Herrlich! Und so schön ungeplant. Chris benannte diesen glorreichen Moment kreativ als „Geigensaitenrissnotfallplan“. Nach dieser aufreibenden & humorvollen Showeinlage beendete das Swan Ensemble-Orchester den Abend mit den Songs „Lost in a heartbeat“ und „Lighthouse“. Wir sind uns sicher, dass dieses Konzert jeden Besucher mitten ins Herz getroffen hat.

Foto: Ina Sieg

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