06.04.19 Kissin‘ Dynamite – Jim Müller

NBNL:
Ihr habt die Touren mit Powerwolf gerade abgeschlossen und befindet euch wieder auf eurer eigenen Headliner-Tour. Auf der aktuellen Tour gibt es allerhand Neues für die Fans zu erleben. Pyro mit Feuerelementen, Hannes auf einem prunkvollen Thron, etc. Habt ihr euch, speziell auf die Bühnenshow bezogen, auf der Tour von Powerwolf inspirieren lassen?

Jim Müller:
Wir haben auf der gemeinsamen Tour gemerkt, dass Powerwolf immer zu viel auf eine zu kleine Bühne packen – „more is more“. Sie sind also immer eins drüber und das ist auch schlau, das so zu machen, weil’s dann jedes Mal fetter wird. Wir wollten auf unserer Tour nicht nur den gleichen Aufbau haben (Podeste, Marshall, Dynamitstangen) wie bisher. Deshalb haben wir überlegt, wie es weitergehen soll, obwohl die Clubs nicht wirklich größer sind – in manchen Städten schon, so wie heute (Hamburg, Markthalle) und das ist mega! Aber im Prinzip sind die Ideen auch von der Powerwolf-Tour übergeschwappt, klar. So eine Support-Tour ist ja nichts anderes als ein Investment. Man versucht in 40 Minuten die Leute davon zu überzeugen, dass danach möglichst viele zu den eigenen Shows kommen. Und siehe da: Es hat funktioniert! 😉 Abgleich jeglicher Vernunft – also auf gut Deutsch: Wir haben viel zu viel dabei und sind total überladen, aber das ist ja geil! Push it to the limit! 😉 Steffen und ich helfen auch tagsüber beim Aufbauen, weil die Crew ohne uns das eigentlich nicht schaffen könnte.

NBNL:
Ihr wart jahrelang bei AFM Records unter Vertrag.  Wie war der Wechsel für euch zum großen Label Sony Music? Haben sich eure bandinternen Aufgaben dadurch geändert?

Jim Müller:
Nein, gar nicht. Da sind wir komplett frei. Es war sogar so, dass wir vergessen haben, dem Label die Songs zu schicken als das Album dann fertig war. Wir haben es fertiggestellt und gesagt: „Das hier ist jetzt das Album“ und die so: „Ach so, ihr seid schon fertig?!“ – Ups, Überraschung! 😀 Aber die sagen da gar nichts. Es ist alles Hand in Hand, denn bei einer erfahreneren Band, so wie bei uns, macht man das auch nicht mehr, denn da läuft ja schon alles. Da stellt man die Weichen noch ein bisschen perfekter, aber man verändert nichts Grundsätzliches mehr an der Band. Das ist das Gute an uns. Dass ein Newcomer geformt wird, ist klar, aber wir nicht. Und selbst wenn, hätten sie eh keine Chance – wir sind da eisenhart! 😉

NBNL:
Und bezüglich der Crew hat sich auch nichts geändert?

Jim Müller:
Ja genau, es ist alles beim alten. Das ist mega! Ich finde, das zeichnet es auch voll aus und macht das ganze Touring ziemlich entspannt, wenn man halt mit seinen Freunden seit zehn Jahren unterwegs ist, vor allem auch mit Jomi. Da würde uns ziemlich was fehlen, wenn es nicht so wäre. Es ist eher wie die Kelly Family, als eine professionelle Produktion. Bei uns ist es schon noch eine Familie, die reist und genau so geht’s auch nur in dem Umfang, in dem wir es machen.

NBNL:
Von Album zu Album ändert sich euer Erscheinungsbild (Klamottenstil). Wie stimmt ihr das untereinander ab? Habt ihr einen Band-Stylisten?

Jim Müller:
Wir hatten mal einen Designer, aber mittlerweile sind wir ganz gut im selbst-reflektieren. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, in die jeder sein Outfit reinpostet.

NBNL:
Dann zieht ihr nicht zusammen los und beratet euch vor Ort?

Jim Müller:
Nee, jeder macht das individuell für sich selbst und zum Schluss überlegen wir dann zusammen und sagen dann: „Okay, das ist vielleicht nicht ganz so geil. Mach das lieber so oder so…“, aber grundsätzlich ist es jedem selbst überlassen.

NBNL:
Cool! Wo nehmt ihr eure Inspirationen her?

Jim Müller:
Ich blättere ehrlich gesagt gerne Bilder durch. Einfach bei Google irgendeinen Dude eingeben und gucken, wie der so rumrennt. Zum Beispiel kann man sich Johnny Depp ganz gut angucken, der ist ja von A-Z schon alles gewesen. Und dann zeichnet sich der eigene Stil irgendwann selbst ab. Aber für Inspirationen, gerade auch für Kleinigkeiten, wie z.B. was für eine Kette ich tragen will, ist das cool. Ich finde es im World-Wide-Web schwer, eine geile Hose zu finden, weil was soll man da bei Google eingeben – „Geile Hose“? Und in einen Laden brauche ich auch nicht gehen. Zu H&M brauche ich nicht gehen, um mir eine Gig-Hose zu holen…

NBNL:
Ihr seid ja gerade mitten in der „Europe In Ecstasy“-Tour. Ist es mit mittlerweile sechs Studioalben schwierig für euch, eine Setlist zusammenzustellen? Wie wählt ihr die Songs dafür aus?

Jim Müller:
Es ist jedes Mal ein Kampf! Hier kommen wir wieder auf die WhatsApp-Gruppe zurück, die wird nämlich für alles Mögliche benutzt, eben auch für Diskussionen um Setlisten. Wir machen es meistens so, dass wenn jemand sagt, dass er einen absoluten Wunsch-Song hat, ohne den das Set für ihn nicht komplett ist, dass wir dann darauf Rücksicht nehmen. Ansonsten wird das einfach abgestimmt. Aber es ist ja nicht so, dass wir viele Songs haben, auf die wir keinen Bock hätten sie zu spielen. Als Gitarrist hat man so seine Lieblingssongs, bei denen man viel zeigen kann und dann hat man wieder Songs dabei, die ein bisschen langweiliger zu spielen sind, aber wenn man weniger zu spielen hat, hat man wiederum mehr Zeit für andere Sachen, für die Show usw. und so gleicht es sich immer aus. Bei einem zweistündigen Set geht’s noch, aber bei den Festival-Shows im Sommer wird’s schwer. Da habe ich keine Ahnung, wie wir das machen sollen.

NBNL:
Wie ist es, einen „special guest“ auf der gesamten Tour dabei zu haben? Habt ihr weitere Aufnahmen oder Features mit Anna Brunner geplant?

Jim Müller:
Dadurch, dass Anna auch in Flensburg wohnt und wir uns privat fast jeden Tag sehen, ist das für mich völlig normal. Das kann ich mir auf jeden Fall mega gut vorstellen! Es ist natürlich die Frage, ob sie Zeit hat und ob’s logistisch geht, aber prinzipiell würde ich das richtig abfeiern! Sie bereichert die Tour auf jeden Fall sehr.

NBNL:
Warum habt ihr „Sleaze Deluxe“ ebenfalls als Duett mit ihr gesungen?

Jim Müller:
Dass wir den Song überhaupt spielen, war so, dass wir den auf der Powerwolf-Tour immer zum Soundcheck aus Spaß gespielt haben. Ich habe den angestimmt und alle so: „Ja geil, lasst uns den mal wieder spielen!“ und dann haben wir die alte Nummer mal wieder ausgegraben und spielen ihn jetzt quasi als Überraschung. Letztes Mal war es ja das Medley mit „Only The Good Die Young“ von den alten Schinken. „Sleaze Deluxe“ ist jetzt nicht so alt, aber wir haben den Song ein bisschen vermisst. Mit Anna passt das gut als Abwechslung.

NBNL:
Was war ein prägendes Erlebnis auf eurer jetzigen Tour? Gab es irgendwelche Vorfälle?

Jim Müller:
Krasse Momente, auf die Fans bezogen, gab es bei den Meet&Greets auf der bisherigen Tour. Man hat wirklich mal Zeit, sich mit den Fans zu unterhalten und es ist nicht wie sonst nach der Show: „Aaaah, wer will ein Foto?! Wer will ein Autogramm?!“, da kann man ja nicht so gut reden, da sich jeder anschreit und es sehr laut ist. Und die Meet&Greets sind eine mega schöne Erfahrung, um auch die persönlichen Geschichten zu erfahren. Ich kriege jetzt schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke. Da waren schon echt ein paar harte Sachen dabei, die einem sehr nahe gegangen sind, z.B. Depression und wie wir dem Menschen in so einer Situation helfen konnten. Das hat mich sehr berührt und waren Mega-Momente! Sehr emotional ist es, wenn wir „Still Around“ spielen. Dann geht das Weinen los, aber das ist ja schön! 🙂 Und abseits der Bühne – also wir unter uns – da passiert genug. Das ist dann fürs nächste Buch 😉 Ich dachte wirklich, dass langsam alles gechillt läuft, aber nein, es ist immer noch der gleiche Affenzirkus und es geht drunter und drüber. Es ist halt so, als würdest du mit deinen besten Freunden auf einen Junggesellen-Abschied gehen, nur ohne Junggesellen. Totale Eskalation! 😀 Wobei ich nicht mehr saufe, seit anderthalb Jahren. Das fühlt sich voll gut an [lächelt und zeigt auf Wasser und Obst vor sich].

NBNL:
Tja, man wird ja nicht jünger…

Jim Müller:
Ja, ich bin nämlich wirklich alt geworden. Zahlen sind zwar Schall und Rauch, aber kurz vor meinem 28. Geburtstag bin ich morgens aufgewacht und auf einmal tat mir alles weh – Hände, Gelenke, Finger, Sehnen im Fuß, … das war völlig verrückt. Und ich wache jetzt auch immer vor dem Wecker auf.

NBNL:
Dann solltest du dir keine Katzen anschaffen, denn dann brauchst du sowieso keinen Wecker mehr! Ich spreche aus Erfahrung.

Jim Müller:
Das würde ich als erstes machen, wenn es heißt, dass wir Tour-Pause haben. Ich würde mir auf jeden Fall eine holen. Ich bin total der Katzenmensch! Die hätten es bei mir auch echt schön. Ich habe einen kleinen Garten, wo sie rausgehen könnten. Vorne ist zwar die Hauptstraße, aber in Flensburg ist die Hauptstraße so wie in Hamburg die Fußgängerzone. Das würde schon gehen. Irgendwann einmal… Und ich werde auf jeden Fall auch einen Affen haben. Voll geil!

NBNL:
Den Affen musst du dann aber dressieren!

Jim Müller:
Auf jeden Fall! Der lernt dann Brote schmieren. Ich rauche ja nicht, sonst würde ich sagen, dass er Kippen drehen lernen soll, aber ich würde ihm halt auch nicht das Rauchen verbieten. Nicht, dass ich es unterstützen würde, aber wenn der Affe rauchen will, dann soll der Affe rauchen und muss selbst nach seinem Zeugs gucken. Ich kauf’s ihm nicht. Er kann ja arbeiten. Ich mein, jeder trägt ja auch etwas zum Haushalt bei. Es tut ihm ja nicht weh, wenn er auch mal einen Putzlumpen oder den Staubsauger in die Hand nimmt. Das wäre schlau! Ja, eigentlich sollte ich ihm die Hausarbeit beibringen… Ich komm drauf zurück! 😉

NBNL:
Das neue Album „Ecstasy“ ist insgesamt radiotauglicher und „leichter“. Es vereint die Generationen und im Publikum sieht man nun auch öfter Kinder und ältere Leute. War es von euch gewollt, dass ihr mit „Ecstasy“ auch eure Zielgruppe erweitert, oder ist das nur ein positiver Nebeneffekt?

Jim Müller:
Das war tatsächlich ein Nebeneffekt. Bei „Generation Goodbye“ war es so, dass wir zu wenig im Radio gespielt wurden. „Living In The Fastlane“ wurde ja dann Radio-Single, weil es der radiotauglichste Song ist und dann war auf jeden Fall klar, dass wir zwei, drei Songs auf dem neuen Album haben wollten, die radiotauglicher sind. Plötzlich hatten wir bisher, glaube ich, fünf Radio-Singles. Das ist ja total verrückt! Das war nicht beabsichtigt, aber es ist mega geil, dass es so gut ankommt und den Leuten so gut gefällt. Uns spricht das aus der Seele!

NBNL:
Merkt ihr das auch bei den Leuten im Publikum?

Jim Müller:
Man merkt ein bisschen, dass es weniger Szene-Publikum gibt, also nicht mehr die Die-Hard-Sleazer mit ihren Föhnfrisuren, sondern eher die normaleren Menschen, was ja aber auch einfach die breite Masse der Bevölkerung ist. Aus der Szene hört man schon manchmal, dass wir Kommerz sind, aber das ist ja das klassische Ding, was man hört, wenn man eine Szene verlässt. Aber ich finde es schade, denn so wird die Musik ja wieder einem breiteren Publikum zugängig gemacht und es dient ja eigentlich der Szene. Klar, die True-Fans sagen natürlich, dass wir keine True-Fans sind, aber darum geht’s gar nicht. Ich finde die Szene hammer geil und bin da gerne immer noch unterwegs, aber ich finde nicht, dass man sich absichtlich klein halten sollte, um szenetreu zu sein. Das ist so als ob man sagen würde, dass man kein Rammstein hören darf, wenn man ein Mötley Crüe T-Shirt trägt. Zum Thema Mötley Crüe: „The Dirt“ bringt einen geilen Aufschwung, von dem wir auf jeden Fall auch etwas haben. Es ist jetzt überhaupt wieder im Munde… Mein Facebook war voll mit „The Dirt“-Posts von Leuten, von denen ich es überhaupt nicht erwartet hätte. Das hat mich gefreut! Da dachte ich: „Aha, eigentlich findet ihr es doch geil!“ 😉 Bei so Dudes mit Amon Amarth Shirt und Bart – finde ich hammer! Funktioniert halt, weil jeder Bock auf Gute-Laune-Rock hat. Bei Children Of Bodom läuft auch nur 80s-Glamrock im Nightliner.

NBNL:
Wir sind ja schon lange Fans eurer Musik. Da liest man über die Jahre viel im Internet und entdeckt die verschiedensten Dinge. So z.B., dass ihr in mindestens zwei Büchern erwähnt („Rache ist Metal“ und „Engel der Dämonen“) werdet. Habt ihr jemals eines dieser Bücher gelesen?

Jim Müller:
Die Bücher an sich kenne ich nicht. Ich weiß, dass wir schon Besuch von Schrifstellern hatten, aber so ein Buch hat mich nie erreicht. Also wenn das derjenige Autor jetzt liest, dann würde ich mich über ein Exemplar sehr freuen! 😉

NBNL:
Ich habe das Buch „Rache ist Metal“ gelesen. Da geht’s um die Full Metal Cruise 2017 und euer Auftritt wird erwähnt.

Jim Müller:
Ach stimmt, das kenne ich! Das habe ich sogar zum Lesen als PDF bekommen. Aber da steht bestimmt nicht drin, wie es wirklich war auf der Full Metal Cruise. Ich weiß es auch nicht mehr, was da passiert ist! [lacht] Vielleicht stimmt’s ja, das müsste ich nochmal nachlesen… 😉

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